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Peter Duka
 
CRYPT
 

Opening: Friday, 2021, 3rd September from 6 to 9 pm

 
Exhibition: 4. September to 20. November 2021
Opening hours: Tuesday to Saturday, 12 am to 6 pm
 
Peter Duka
 
Why Dreispitz now? 

Einsame Figuren, deren Ausstattung mit Dreispitz, Frack und Kniebundhosen auf die Zeit um 1800 hinweist, streunen schon seit längerem durch das malerische und zeichnerische Werk von Peter Duka. Diese Zeit, die Wende von der mehr oder (meist) weniger revolutionär beendeten feudalen zur bürgerlichen und kapitalistischen Welt, produziert ein grandioses Environment für Streuner. Nicht von Ungefähr fällt in diese Zeit, dass die Kunst die historische Schwelle zur Moderne nimmt. Wird sie – im noch höfisch geprägten Klassizismus – zuerst konzeptuell und international, wandelt sie sich zu einer bürgerlichen, nationalen und, über diesen turn, tatsächlich, zur zeitgenössischen. Was lange literarisch vorbereitet war, durch Bunyans Pilger, Fieldings Tom Jones, den empfindsam reisenden Yorick usf., streift nun tatsächlich durch eine vergrößerte Welt, deren neue territorialen und im individuellen Inneren frei gelegten Weiten es zu erkunden gilt. Nicht immer freiwillig. Seume muss, als zwangsverpflichteter Kriegsknecht an die amerikanisch-kanadische Grenze, weil er nach Paris will, um später, einfach so, nach Syrakus zu spazieren. Casanova kann eh nur, wozu es ihn treibt. Hölderlin darf endlich nach Bordeaux abreisen, Startschuss für ein Leben auf eigenen Füßen. Der Trip bekommt ihm nicht, gibt der Literatur der Zeit aber einen wirkungsmächtigen Schub. Ein Toussaint-Louverture, Held der haitianischen Revolution, mochte sich viel vorstellen können – aber auch, dass er ausgerechnet in der malerischen Öde des französischen Jura elend in einem Festungskerker verrecken würde?

Die Wende um 1800 schließt eine weitere Transformation ein, die sich freilich erst im Nachhinein vermessen lässt: aus der Aufklärung im Schwellen- oder Epochensinn wird, neu formatiert durch die Romantik, deren früher Vollzug von der späteren Verwertung scharf zu trennen wäre, ein, selbstredend unabschließbares, „Projekt“ während sich die „Erfahrungseelen-kunde“ als eigene Disziplin ausgliedert.     

Keine Frage, die Zeit um 1800 ist aus ereignis- und ideengeschichtlicher Perspektive attraktiv anzuschauen. Aber ob das als Motivation dafür ausreicht, sie im Rahmen eines künstlerischen Werks, allerdings in Ausschnitten und Partikeln, wieder und wieder zum Aufscheinen, zur Revision zu bringen?  

Tatsächlich weist Dukas Werk jede Menge konkret historischer oder unbestimmt historistischer Referenzen auf, die auf die Wendezeit zwischen Klassizismus/Aufklärung und Romantik deuten. Das betrifft nicht nur die Veröffentlichungsform, wie Duka seine Arbeiten zu Ausstellungen gruppiert, betitelt und kontextualisiert – etwa durch die Einführung der (historischen) Figur des Inspecteur Louis Marais als fiktiver Protagonist und referenziell-intertextuell anwendbares Scharnier zwischen den Arbeiten, die in einer früheren Schau zusammengefasst waren. Dabei beschränkt sich Duka auch nicht auf den Motivfundus, den er, mit einiger Obsession, wiederholt in verschiedenen Bildtypen – Porträts und Selbstporträts, Allegorien und Fantasiestücke sowie Genreszenen – variantenreich und von Zeichnungen und neuerdings digital auf dem Pad ausgeführten Arbeiten flankiert durchspielt. Das Kolorit und der Duktus des Histori(sti)schen durchzieht bei aller, mutwilliger Heterogenität seiner Arbeiten und ihrer sorgfältig erarbeiteten looseness selbst noch die Malweise, die mir in letzter Zeit zudem aber offener, brüchiger zu werden scheint. Gleichwohl könnte der Eindruck entstehen, Duka ziele darauf, dieses Werk als Zone des Anachronistischen und jedenfalls auf Abstand zur Gegenwart – vielleicht auch der zeitgenössischen Kunst – zu halten. Auf Anhieb ist nicht zu entscheiden, ob es sich dabei um ein nicht zu unterdrückendes Faible, die Kultivierung einer Künstlerattitüde oder, kein automatischer Widerspruch zum Vorgenannten, um einen konzeptuellen move handelt. (Letzterer würde sein Werk jedenfalls an den, allerdings nicht mehr taufrischen, Diskurs einer unter die Vorzeichen des Konzeptuellen gebrachte Malerei anschließen, der ihr ihre Rückkehr in den ansonsten bekanntlich nicht allzu exklusiven Kreis „zeitgemäßer“ künstlerischer Medien und Darstellungsformen erwirkt hätte. Jedenfalls malt es sich – anders als noch vor zwanzig Jahren – heute völlig ungeniert, und mit Blick auf den Ausstellungsbetrieb einer ihrerseits kleiner und synchroner, und alles in allem seltsam unbekannt gewordenen Welt scheint keine Konvention zu konventionell zu sein, um nicht mit guten Aussichten auf kunstbetriebliche Verwertung daran anzuschließen. Man kann es durchaus als Problem empfinden, wenn der Kanon einerseits zwar als erledigt gilt, andererseits aber zur Konvention regrediert unausgesprochen weiterwirken darf.) Egal ob move, Marotte oder Maske, der Künstler überzieht sogar sich selbst mit historistischem Kolorit, wenn er in seinen häufigen Selbstporträts gerne auch mal Dreispitz trägt. Dies allerdings, als Anachronismus im Anachronistischen, zur dick gerahmten Brille als auch im echten Leben genutzte Sehhilfe, die auch das 21. Jahrhundert noch nicht überflüssig gemacht hat.

Nun also eine ganze Ausstellung mit Streunern, unterwegs in Ideal- und Fantasie- oder, wenigstens, „malerischen“ Landschaften. Das alles ominös überschrieben mit dem Titel CRYPT. Nun wäre Duka nicht der erste, der „Obsession“ mit „Produktion“ kaschiert und selbst Picasso, der moderne „Klassiker“, hat zwar immer neue Bilder aber letztlich nie ein „neues Bild“ gemalt. Der Fingerzeig aufs Rätselhafte und Verborgene könnte – wie einst die Referenz auf den Inspecteur Marais – also als Schlüssel zu den Bildern, aber auch ganz anders und generell, als Hinweis auf Verschlüsselungstechniken gemeint sein. „Ich will es nicht wissen“, sprach einst Kleists Marquise von O…. Unversteckt und ohne weiteres zu sehen ist dagegen, dass die in CRYPT versammelten Bilder einem Szenario folgen, konstruiert aus Figur, Umgebung und Malerei. Wie weit nun die einzelnen Varianten über dieses Thema auseinanderklaffen mögen – und das Plaisir an ihnen buchstäblich über dieser Kluft hängt –, empfehlen sie sich qua Ausstellungsverdichtung dennoch als regelrechtes Genre. Nicht, dass das nicht auch die Perspektive verrücken würde, die sich damit zwangsläufig vom „Was“ aufs „Wie“ richtet und dazu anstiftet, statt der Dinge die Differenzen, die Konstruktion der Bilder in den Blick zu nehmen. Wenn Berg, Baum, Himmel, Weite samt dem unvermeidlichen Dreispitztyp sich aber genauso gut als Klecks, Strich, Schliere, Wischer und alles zusammen benennen lassen, die Kunstmittel somit an die Stelle der Kunst getreten wären, dann käme Dukas Verschlüsselungsangebot wieder gerade rechtzeitig. Die aktuelle Konjunktur der Malerei mit Hilfe einer generellen „Liebe zur Malerei“ (Isabell Graw) zu deuten, würde vitalistischem Wunschdenken allzu viel Leine lassen. Dann halten wir uns besser nicht an den Zweifler Thomas, der „begreifen“ darf, was er dennoch nicht verstehen kann und dementsprechend glauben muss, sondern leben mit dem einen oder anderen ungelösten Rätsel im Marschgepäck so interessant es damit eben geht.

Hans-Jürgen Hafner

 
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