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| ZWINGER
Galerie |
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| Mansteinstrasse 5 |
| 10783 Berlin |
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| office @zwinger-galerie.de |
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| Peter Duka |
| Rameaus Neffe |
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| Opening: Friday, 25th May 2012 from 7 to
9 pm |
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| 26th May to 21th June 2012 |
| Tuesday to Saturday: 12 am to 6 pm |
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| Auf
seinen Spaziergängen trifft der Erzähler, der sich selbst zu
den "Philosophen" rechnet, in einem Café nach dem Palais Royal
Jean-Francois Rameau, den Neffen des berühmten Komponisten
Jean-Philippe Rameau, ein den Parisern vertrautes "Original", wie man
damals Stadtstreicher der gehobenen Kategorie nannte, mit einem
"Temperament, so wechselhaft wie das Wetter". Man nannte Rameau einen
"verwachsenen Riesen", einen "Adler des Geistes mit der praktischen
Veranlagung einer Schildkröte", und stadtbekannt war sein
"hervorstehender Kiefer, der wie das Emblem einer auf alles
Genießbare konzentrierten Weltanschauung" aussah. |
| Sich selbst beschreibt
Rameau scheinbar noch viel gnadenloser als seine Zeitgenossen, aber
doch auch mit dem spürbaren Gefallen an der unüberbietbaren
Provokation, als "Abschaum" und "verwöhntes Mittelmaß",
er nennt sich "Speichellecker", "Lügner",
"Dieb", vor allem aber immer wieder "prinzipienlos" und "bettelarm". Er würde alles tun, um "guten
Wein zu trinken, opulente Gerichte zu verschlingen, sich an hübschen
Frauen zu räkeln und in weichen Betten zu schlafen". Mit
dieser Lebensphilosophie erhebe er sich, so der Erzähler, zu
einem "wesentlichen Geist" seiner Zeit. |
| Mehr noch als seine
Überzeugungen aber drängt das gewaltsame Tempo seiner Rede
den Philosophen-Erzähler an den Rand des Gesprächs. Rameau
verschafft sich Aufmerksamkeit mit ohrenbetäubender Stentorstimme,
er schleudert seinem Gegenüber Salven aus Verben und Substantiven
entgegen, die am Ende stets ironisch klingen. Er spielt mit Hunderten
von Namen, die Klatschgeschichten und Skandale in Erinnerung rufen,
welche vor allem für die Aufklärungspartei schmerzhaft sein
dürften. Vor allem aber unterläuft der Neffe listig die
Fragen und Argumente des Philosophen, indem er sie wörtlich nimmt:
"Was ich so tue? Dasselbe wie alle anderen. Gutes, Schlechtes
und nichts. Wenn ich Hunger habe, dann esse ich, sofern sich Gelegenheit
bietet; wenn ich Durst habe, trinke ich manchmal; und weil dabei mein
Bart wächst, lasse ich mich dann und wann auch rasieren." |
| Hegel
zitiert in seiner "Phänomenologie des Geistes" die Stelle
über das "stumme Fortweben des Geistes im einfachen Innern seiner
Substanz": "Die reine Einsicht durchschleicht ... die edlen Teile durch
und durch und hat sich bald aller Eingeweide und Glieder des
bewußtlosen Götzens gründlich bemächtigt, und an
einem schönen Morgen gibt sie mit dem Ellbogen dem Kameraden einen
Schub, und Bautz..." Er fährt fort, indem er
erklärt, daß dieser Geist, "der sich sein Tun verbirgt,
nur eine Seite der Realisierung der reinen Einsicht" sei. Im
Übergang zum Neuen vollzieht sich ein leidenschaftlicher Kampf, in
dem man erkennt, wie sehr die Gegensätzlichkeit zum Widersacher
bereits in dessen Logik verwoben ist. |
| Gewiß
hatte Hegel recht, als er in der "Phänomenologie des Geistes"
meinte, daß der Autor Diderot in zwei Rollen anwesend sein wolle,
im "zerrissenen Bewußtsein" des Neffen und im "ruhigen, ehrlichen
Bewußtsein" des Philosophen. Der Diderot dieses Textes kann
seinem Gesprächspartner einfach nicht Paroli bieten. Die
zunächst angestrengt durchgehaltene Selbstironie des Philosophen -
"mein Geist ist wohl beschränkt" - löst sich in eine
ernüchternde Situationsbeschreibung auf: "Ich war verwirrt von
Rameaus Geistesschärfe und seiner Verderbtheit, von einer solchen
Perversion der Gefühle und so außergewöhnlicher
Ehrlichkeit." |
| Das Verhältnis
von Philosoph und "Original" kehrt sich schleichend um.
Dem Philosophen entgleitet die Gesprächsführung. Der Neffe
als Antiphilosoph und amoralisches Subjekt übernimmt immer mehr
die sokratische Gesprächsrolle, die Rolle dessen, der die Überlegenheit
des Fragenden auszuspielen versucht. Der überhebliche Philosoph
wird von seinem unwürdigen Kontrahenten immer mehr in die Aporie
getrieben. Der Neffe übernimmt die Rolle dessen, der das Gespräch
strukturiert. Angemaßter Philosoph und Narr tauschen unmerklich
die Rollen in einem karnevalesken Bachtin'schen Dialog. |
| Der Lärm des
Kampfes schwillt an. Der statische Raum der Vernunft füllt sich
mit frenetischem Leben. Ständig summt oder singt Rameau Musikstücke,
die sich den Themen des Gesprächs anzuschmiegen scheinen. Doch
das Summen und Singen ist nur ein Übergang zu dem bizarren Verhalten,
das der Erzähler als "Rameaus Pantomime" erlebt. Rameau
kopiert Bedeutungen in körperlichen Gesten, statt sie durch Wörter
zu repräsentieren: "Rameau griff das, wovon ich sprach,
als Pantomime auf. Er hatte sich auf den Boden geworfen und sein Gesicht
gegen die Erde gepreßt, er weinte, er schluchzte. Dann stand
er plötzlich auf und sprach in ernstem und wohlüberlegtem
Ton weiter." Am Ende spielt der Neffe ein ganzes Orchester mit
all seinen Instrumenten, einschließlich der Bewegungen des Dirigenten
- bis zur völligen Erschöpfung. Längst hat er die Aufmerksamkeit
der Zuschauer in Bann geschlagen, und auch der Philosoph kann ihm
nicht eine gewisse, wenn auch ironisch gebrochene Bewunderung versagen:
"Ich wäre nicht einmal würdig, Ihr Schüler zu
sein." "Er" ist mit seinen Gefühlen den Einsichten
des "Ich" um mehr als nur ein paar Schritte voraus. Das
Voraussein des Körpers macht freilich auch dem Neffen selbst
zu schaffen. So verfällt Rameau für einen Moment in Gesten
verzweifelter Depression. Er sieht sich zur Rechtfertigung genötigt.
Zur Pantomime und zu solchen Konvulsionen des Körpers, klagt
er, seien Marginalisierte verdammt, denen, anders als den Mächtigen,
die Erfüllung allen Begehrens verwehrt sei. |
| Das sich selbst verbergende
Tun stellt sich auf die Hinterbeine, als "Bejahung der Bejahung",
"Wille zu Wollen", "Herr ohne Sklave". Der Wille
ist dabei notwendigerweise "subjektlos", Intentionalität
ohne Intendanten. Er produziert schöpferisch die Differenzen,
die sich zueinander nicht-identisch verhalten, da sie in keinem Augenblick
ihrer Entstehung eine Reproduktion eines schon Gedachten oder schon
Vorgezeichneten sind. Affekte ohne Redundanz. Diese differentielle
Kraft schafft einzig und allein "Singularitäten" oder
"Ereignisse, die nicht vorhersehbar sind". Diderot, so schreibt
Goethe, habe "die heterogensten Elemente der Wirklichkeit in
ein ideales Ganzes zu vereinigen" gewußt, und ohnehin sei
klar, "daß Niemand ihm an Lebhaftigkeit, Kraft, Geist,
Mannigfaltigkeit und Anmut" gleichkomme. Jenes ideale Ganze sei
eben nicht auf die analytische Seite der Aufklärung beschränkt,
sondern schließe die Emotion und die Affekte ein. Der Neffe
verkörpert Goethes "ineffabile", den Impuls, das Unfaßbare,
Unaussprechbare wider alle sprachkritischen Bedenken und Ansprüche
benennbar zu machen und sich damit dem "verborgenen Zentrum der
Erfahrung", auch der wissenschaftlichen, zu nähern, ohne
dabei den "Respekt vor dem Unverstandenen" zu verlieren. |
| Foucault
resümierte seine Geschichte des Wahnsinns mit den Worten: "Auf der
einen Seite steht eine Gruppe von Figuren, die ihren Willen
beherrschen, aber die Wahrheit nicht kennen. Auf der anderen Seite
steht der Narr, der ihnen die Wahrheit erzählt, aber nicht die
Herrschaft über seinen Willen besitzt und nicht einmal über
die Tatsache, daß er die Wahrheit erzählt." Nun taucht in
der Geschichte der Denkgewohnheiten des cogito plötzlich der Neveu
de Rameau auf. Dieser Kompromiß aus Niedertracht und Unvernunft,
der "die Wahrheit ans Licht bringt und die Schurken entlarvt". Der
Neffe ist auf seine Art ein Philosoph, der nicht verrückt ist,
aber den Unverschämten, Faulen, den Schnorrer, den Schlemmer, den
Narren, den Possenreißer spielt. Er mißtraut seiner
Wissenschaft und weiß nicht, woher ihre Methode kommt, bedient
sich aber bei aller Nachahmung der Figuren, die er spielt, seiner
Freimütigkeit, um jene Wahrheit herauszulocken, die die anderen
hinter den Rollen verbergen, die die Gesellschaft ihnen vorgibt. Er ist
auf seine Art ein Parrhesiast, der die Wahrheit ausspricht.
Anti-cartesianische Lektion nannte Foucault das Vorgehen des Neffen:
"Wahn, der in einer der Wahrheit gleichwertigen Illusion das Sein und
das Nichtsein des Realen vereint", "der Rausch des Sinnlichen", "die
unmittelbare Faszination und die schmerzliche Ironie, in der sich die
Einsamkeit des Wahns ankündigt", und stellt, mit Blick auf
Hölderlin, Nietzsche, Artaud, van Gogh die Frage: "Was ist das
für eine Macht, welche diejenigen versteinert, die ihr einmal ins
Auge gesehen haben, die versucht haben, die Unvernunft zu erproben?" |
| Das latente Gegenklima
der Aufklärung schließt an die Figur des Narren an, wiewohl
dieser offiziell abgeschafft und verfemt worden war. Der Figur des
Narren wohnt die Potenz inne, die Relation zwischen den Gewievten
und den Betrogenen, den Konformen und den Diskriminierten umzukehren.
Rameaus Neffe von Diderot kitzelt mit Anspielungen auf Sokrates diesen
dialektischen Charakter des Narren hervor. Dieser hat nicht nur äußerliche
Ähnlichkeit mit Sokrates, er spricht auch wie dieser. |
| Hegel legte nahe,
daß der Protagonist als Doppelfigur aus Philosoph und Neffe
sich keineswegs verliere. Er spiele seine Pantomimen im Wissen, wie
sie zu spielen sind; sein ganzes Theater werde vom Bewußtsein
kontrolliert, mag es auch noch so delirieren. Man wird ihn für
einen "moralischen Verrückten" halten. Gerade dieses
Spiels mit Vernunft und Unvernunft wegen werde er jedoch unverzichtbar
für die rechtschaffenen Leute. In Zeiten, die wie die unseren
in Konventionen erstarrt ist, könnte gerade dies erneut nötig
sein. "Kommt ein solcher in eine Gesellschaft, so ist er ein
Krümchen Sauerteig, das das Ganze hebt und jedem einen Teil seiner
natürlichen Individualität zurückgibt. Er schüttelt,
er bewegt, bringt Lob oder Tadel zur Sprache, treibt die Wahrheit
hervor, macht rechtliche Leute kenntlich, entlarvt die Schelme, und
da horcht ein Vernünftiger zu und sondert die Leute." Das
Bild vom Sauerteig hat dieselbe Funktion wie die älteren vom
Zitterrochen (Menon) und vom Geburtshelfer, die ebenfalls in den Pantomimen
angesprochen werden, wodurch die mäeutisch-sokratische, auch
eulenspiegelhafte Gesprächsführung deutlich benannt ist. |
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| Gerrit Confurius |
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